Die „Schubertiade“ führte zu einer Kooperation dreier Gymnasien, die in einem „berauschenden Abend“ mündete
Rhein – Neckar – Zeitung, 14.Januar 2025, von Peter Lahr
„Eine Reise am Bach entlang“ überschrieben die elf Schülerinnen und Schüler der Musik-Leistungskurse an NKG, APG und HSG ihre ganz eigene Interpretation von Franz Schuberts legendärem Kunstlied-Zyklus „Die schöne Müllerin“. Was vor gut 200 Jahren einen Höhepunkt der Frühromantik bildete, bezirzte auch in der Version 2.0. Denn es gelang den Beteiligten durch die Bank überzeugend, den „Spirit“ von einst mit der Gegenwart abzugleichen und so den Kern der unglücklichen Liebesgeschichte nicht minder packend zu erzählen und transformieren.
Am Samstagabend beteiligten sich knapp 100 Menschen an der „Schubertiade“ im großen Musiksaal des Nicolaus-Kistner-Gymnasiums. Hinter den gut 90 Minuten Live-Performance steckte nicht zuletzt eine beachtliche logistische und schulverwaltungstechnische Hintergrundmaschinerie. Denn Künstler kamen vom NKG, vom Auguste-Pattberg-Gymnasium sowie vom Hohenstaufen-Gymnasium Eberbach. Dass Schubert als Sternchenthema auch heute noch zu solch einer Gemeinschaftsleistung anstachelt, zeigt die Macht der Kunst.
Zwischen Egerländer-Sound und frischer Partymucke aus den Boxen beginnt auf der Großleinwand im Hintergrund der Bühne ein Chat, der bis zum tragischen Ende der Geschichte noch zahlreiche Einträge erlebt. Auf geht es zu einer neuen Mühle. „Die alte ging mir auf die Nerven“, tippt der Wanderer ein – und freut sich bald nicht nur über eine Navigationshilfe zum neuen Arbeitsplatz, sondern auch über den Anblick der schönen Müllerstochter. „Das Wandern ist des Müllers Lust“, erklingt es im Surround-Klang, denn die Schülerinnen und Schüler kommen singend aus dem Publikum hinauf auf die Bühne. Dort greifen sie zu Geige (Anna-Linnéa Momma), Flöte (Sophia Neff, Alexandra Fosnea), Klarinette (Nele Wagner), Saxofon (Lara Seifert) und E-Gitarre (Niels Bennemann). Auch an der Harfe (Emilia Böhnig), an den Klavieren (Ole Lichtenfels, Lilly Knapp, Selina Schmidt) und hinter dem Schlagzeug (Dominik Egolf) tut sich was: Jazzig angehauchte Variationen über das bekannte Volkslied-Thema eröffnen den musikalischen Part, der sechs Liedern aus dem Zyklus neue Gewänder überstreifen wird.
„Höret, höret, edles Volke! Wir laden euch zu einem einzigartigen Fest ein!“ Im Stil von Jahrmarktsschreiern des 19. Jahrhunderts wecken Ole Lichtenfels und Dominik Egolf die Neugier des Publikums. Dass es sich hier um keine Nummernrevue handelt, wird schnell klar, denn um den musikalischen Kern legen die Kreativen mehrere Schichten.
Dass es sich bei einer Schubertiade um eine Art musikalischen Salon handelt, bei dem die Künstler und die Gäste in engem persönlichem Kontakt und Austausch standen, erfahren die Gäste in der Rubrik „Hintergrundwissen“. Schwieriger zu beantworten ist da die (zeitlose) Frage: „Was hilft gegen Liebeskummer?“ Hier kümmern sich die Künstler um professionelle Hilfe, schicken den Müller vorsorglich zur Therapiesitzung. Denn er sei „geistig nicht gesund“. Er wolle gesehen werden, konstatieren die Jugendlichen. „Hätt’ ich tausend Arme zu rühren“ heißt es im fünften Lied „Am Feierabend“. Daraus bastelt Dominik Egolf einen dramatischen Rap, den Niels Bennemann um elektrische Beats bereichert.
Das Bächlein wird zum Dialogpartner des Müllers, denn der Umbruch vom Idyll zum Eifersuchtsdrama bahnt sich an – Stichwort: „Sie gehört mir“. Das Lied „Mein“ bietet frische und heitere Soli der Musiker. Das Blatt wendet sich mit dem Erscheinen des Jägers. Die Dynamik wechselt in Lied Nr. 14 zum Crescendo, das Fugato-Motiv wird wilder: „Die Instrumente jagen einander“, finden die Moderatoren. Den Text sprechen die Akteure über einen leisen Drum-Teppich. Das Jäger-Grün wird folgerichtig zur „bösen Farbe“ (Lied Nr. 17), die Dissonanzen gewinnen Oberhand. Auf die „Trockenen Blumen“ (Lied Nr. 18) fallen Tränen der Verzweiflung.
Auf „späte Einsicht“ hoffen die Jugendlichen von heute, verschieben die Beerdigungsszene ins Reich der Vorstellung. Immerhin kommt der Tote zur nächsten Therapiesitzung: „Die Romantik verlangt ihre Opfer, Leidenschaft ohne Abgrund geht gar nicht“, verweist der Müller auf das dramaturgische Konzept, das auch noch Falcos „Jeanny“ verinnerlicht. Mehr „Future“ liegt da in der Erkenntnis „Im Bach schwimmen viele schöne Fische“. Deshalb fallen einige bunte „Autumn Leaves“ in die Wellen, die vielleicht eines schönen Tages an die Gestade von Herbie Hancocks „Cantaloupe Island“ plätschern werden.
„Es war ein berauschender Abend“, fasst NKG-Leiter Jochen Herkert zusammen. Dem dürfte auch seine Eberbacher Kollegin Anja Katzner zustimmen. Der Dank der Schülerinnen und Schüler geht indes an die Musiklehrerinnen Jutta Gewahl und Sigrun Friedrich sowie das Technikteam (Marlon Bernauer, Jonathan Brückmann, Simon Randerath und Leon Lovric). Wer gerne weiterlesen möchte, kann zu Sabine Maria Grubers „Der Schmetterlingsfänger“ greifen.

