Griechischer Olymp hautnah inszeniert

Humorvolle Bearbeitung von Goethes Iphigenie am NKG

Mit dem Titel ‚Infügenie’ lud die Theater-AG des Nicolaus-Kistner-Gymnasiums an zwei Abenden in den großen Musiksaal ein. Der Titel verriet vorweg nicht mehr, als dass der Autor, Horst Frings, wohl Goethes Vorlage aus einem bestimmten Grund auch orthographisch verändert hatte. Verkörpert Goethes Klassiker das Humanitätsideal im Sinne der Lösung des Menschen vom Schicksalsdenken, die Erkenntnis der Selbstbestimmbarkeit des Handelns, so stellt Frings Stück Goethes Perspektive auf den Kopf: Hier dominiert nicht nur die Welt der griechischen Götter, sondern deren göttliche Welt erscheint getränkt in zutiefst menschliche Sorgen: Aphrodite (Iris Pöschl) lässt sich von Ares (Ruven Wolff) verführen, zum Leidwesen ihres Gatten Hephaistos (Jens Ballenweg), zum Entsetzen auch der einzigen moralischen Instanz Athene (Julia Kahnt), während andere göttliche Wesen wie Hera (Christin Throm) und Demeter (Carolin Cherdron) eigentlich ganz ungöttlich an Alterbeschwerden und fixen Ideen Leiden. Wenigstens Apollon (Daniel Schinow) und Hermes (Daniel Zappe) versuchen, unterbrochen von ständigen Werbespots für das olympische Produkt gegen alle Beschwerden ‚Clairosil’, das Leben auf dem Olymp in Schach zu halten, wenngleich selbst Apollon auffällt, dass ein zu genaues Nachdenken über die Situation auf dem Olymp zu der Erkenntnis führen könnte, auch die Götter seien nur erfunden.

Doch Apollon und Hermes überlegen sich lieber moderne Varianten, Probleme zu lösen, z.B. von Apollons Schwester Artemis (Mareike Münch), deren Statue auf Tauris verloren gegangen ist. Nicht nur ihr Anliegen, sondern auch Hephaistos technischer Erfindergeist lenken den Blick nach Tauris: das Infüg (Informationsfernübertragungsgerät), das sich schnell auf dem ganzen Olymp etabliert, macht dies möglich. Erste Kostproben von diesem Gerät führen von Einblicken in das Badezimmer der hübschen und jungen Göttin Hebe (Alina Wurz) nach Tauris, wo Iphigenie (Christin Throm) ihr Schicksal in die Hand zu nehmen versucht. Hermes und Apollon verfolgen mit Interesse Iphigenies Entscheidungsfindung, in original goetheschen Versen, z.T. etwas undeutlich vorgetragen.

Schnell wird das Infüg auch bei den Göttern zum Mittelpunkt des Erlebens: "Dann schaun mir halt mal wieder in die Glotze". Irdische Ziele verfolgt auch Hephaistos nach Iphigenies erfolgreicher Befreiung mit seiner Idee, seine neue Erfindung auf Tauris zu vermarkten. Mit Nachsicht ist zu bewerten, dass er Hebe dorthin mitnimmt.

Neben den bewundernswerten schauspielerischen Leistungen insbesondere von Daniel Schinow (Apollon), Daniel Zappe (Hermes) und Julia Kahnt sollen auch die weiteren Darsteller aus verschiedenen Klassenstufen nicht unerwähnt bleiben: Adrian Emmerling (Dionysos), Iris Pöschl (Eirene) traten auf olympischer Seite und Florian Johmann (Pylades) auf irdischer Seite auf. Das Publikum bedankte sich zurecht für einen gelungenen Theaterabend, nicht nur bei den Darstellern, sondern auch bei Eugen Boerner als Leiter der jährlich auftretenden Theater-AG und Regisseur der Inszenierung.

So kurz vor Olympia in Athen konnte man da schon denken, dass olympisches Leben und menschliches Streben doch vielfältig miteinander verwoben sind.

 


Olympisches Treiben auf der Theaterbühne des NKG: Artemis (Mareike Münch), Athene (Julia Kahnt), Demeter (Carolin Cherdron) und Apollon (Daniel Schinow)